Vor mehr als zwei Jahren habe ich die Patenschaft im Rahmen des Projekts „Connecting People“ der Asylkoordination für N. übernommen.
N. ist seit mehr als dreieinhalb Jahren in Österreich und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling hierhergekommen. Längst bin ich zu seiner (österreichischen) Mama geworden.

Er ist ein so unglaublich liebenswürdiger Mensch, dass es für mich und meine Familie ganz leicht war, ihn von Anfang an ins Herz zu schließen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon seit einiger Zeit nicht mehr mit seiner Herkunftsfamilie gelebt und sicherlich deshalb ein großes Bedürfnis nach der Geborgenheit in einer Familie gehabt. Als wir N. kennengelernt haben, war er noch ein Kind und hatte doch schon so viele schreckliche Dinge erlebt.

Ich bin in allen Belangen seine erste Ansprechpartnerin und für wirklich alles zuständig, obwohl er in einer betreuten Wohngemeinschaft der Caritas wohnt (Dort wechseln die Sozialarbeiterinnen sehr oft.) Längst fühle ich mich für ihn genauso verantwortlich, wie für meine eigenen Töchter. Niemals würde ich ihnen erlauben, in ein so gefährliches Land wie Afghanistan zu reisen. Das gleiche gilt für mich für N. Die Vorstellung, dass es sich in Kabul oder in sein Heimatdorf in der Provinz Ghazni durchschlagen müsste, ist für mich unerträglich. Als Redakteurin in einer ORF-Nachrichtenredaktion, muss ich mich täglich mit tödlichen Anschlägen in Afghanistan beschäftigen. Nur mehr bei einer sehr hohen Zahl an Toten sind sie dann auch in den Nachrichten zu hören.

N. besucht seit September 2016 die Gastgewerbefachschule am Judenplatz in Wien. Ich stehe in regelmäßigem Kontakt mit dem Direktor – wir telefonieren ca. alle drei Wochen - und seinen Lehrerinnen und Lehrern. Ich gehe zu Sprechtagen und Elternabenden, organisiere alles Notwendige für die Schule, passende Schuhen, Hemden und Hosen, engagiere etwaige Nachhilfe-LehrerInnen oder bitte Freunde und Bekannte darum, mit ihm zu lernen. Ich helfe bei Bewerbungen für das Pflichtpraktikum, maile und telefoniere mit Küchenchefs und besuche gemeinsam mit ihm Lokale, in deren Küche er das Praktikum absolvieren könnte. Eine meine Freundinnen, eine Bibliothekarin, hat ihm auch einmal ein Praktikum für ein Monat in einer Bibliothek vermittelt.

N. ist für mich, meine Familie und für unsere Freunde nicht mehr wegzudenken, so selbstverständlich hat er sich bei uns und in unsere Vorstellung von Leben eingefügt. Im Scherz sage ich immer, was meine 20-jährige Tochter sagt, ist für N. Gesetz. Gemeinsam gegen mich bilden sie quasi eine Front. Er fordert von ihr so etwas wie schwesterliche Solidarität in Streitfragen ein und sie gewährt sich ihm auch (fast) immer. Jede Entscheidung, die er trifft, wird vorher mit uns besprochen. So habe ich etwa Psychotherapie für ihn organisiert und ihn davon überzeugt, diese auch in Anspruch zu nehmen, um besser in Österreich ankommen zu können – nach den schrecklichen Ereignissen zuhause und der lebensbedrohlichen Flucht, die ihn immer noch sehr belasten, ihm Albträume bescheren und über die er kaum sprechen kann.
Ganz selbstverständlich ist er bei allen Familienfesten und Treffen mit Freunden dabei. Zwei Mal haben wir nun schon Weihnachten gemeinsam gefeiert, heuer hat er sich richtig darauf gefreut und von seinem wenigen Taschengeld kleine Geschenke für uns und meine Eltern (er nennt sie Oma und Opa) gekauft. Es war sehr berührend wie glücklich es ihn gemacht hat, sie zu verteilen.

N. kennt unsere Freunde und ihre Kinder, viel davon auch in seinem Alter. Sie alle kommen zu uns, um mit ihm zum Beispiel seinen Geburtstag zu feiern. Gemeinsam mit einer großen Runde waren wir in den Ferien eine Woche Schifahren in Bad Hofgastein. N. hat Snowboarden gelernt. Ganz selbstverständlich hat er den Großteil der Zeit mit den anderen Teenagern verbracht, die ihn als einen von ihnen akzeptieren und sich für ihn interessieren und umgekehrt. Für die Semesterferien im Februar haben wir eine Woche gemeinsamen Schiurlaub, diesmal in Damüls im Bregenzer Wald, geplant, damit N. wieder snowboarden gehen kann, was ihm großen Spaß macht und seinen Ehrgeiz geweckt hat. Ich glaube zu wissen, dass er heimlich von einem eigenen Snowboard träumt.

Im Sommer machen wir gern Ausflüge. Wir waren schon gemeinsam in Mondsee und in Salzburg, damit er Österreich kennenlernen kann. Wir gehen aber auch gemeinsam ins Kino und spielen miteinander. Wenn wir Glück haben, dann kocht N. für uns und beeindruckt uns mit seinen Kreationen.

Meine Familie und ich wir werden immer und in jeder Lebenslage für ihn da sein und ihn unterstützen. Nicht weil wir uns dazu verpflichtet fühlen, sondern weil er für uns längst zu einer Herzensangelegenheit geworden ist. Dass er nicht mehr Teil unserer Familie sein könnte, ist für uns alle völlig unvorstellbar.

S.


<< Kalender
Blumenschmuck by blumenkraft